«Das fossile Zeitalter gehört ins Museum»

    Jürg Grossen, Präsident der Grünliberalen, schreibt in einem exklusiven Essay für die «Umwelt Zeitung», wie es nach dem Nein zum CO2- Gesetz in der Klimapolitik weitergehen soll und wo die Potenziale für innovative Technologien liegen. Um das Ziel einer erneuerbaren Energieversorgung zu erreichen, skizziert er eine eigene «Roadmap Grossen».

    (Bild: zVg) «Wir haben noch viel zu tun»: Jürg Grossen stellt seine Rezepte für die Energiezukunft vor.

    Trotz Ablehnung des CO2-Gesetzes – die Klimaziele bleiben
    Das neue CO2-Gesetz wurde zwar knapp abgelehnt, die ambitionierten Ziele in der Klima- und Umweltpolitik bleiben aber bestehen, schliesslich haben wir das Klimaabkommen von Paris unterzeichnet. Die Schweiz muss international die Vorreiterrolle beim Klimaschutz übernehmen. Zur Erreichung der Ziele werden die präzisen und effizienten Technologien eine zentrale Rolle spielen, viele davon aus Schweizer Unternehmen. Aber auch politisch müssen neue Wege beschritten werden. Bund, Kantone und Gemeinden müssen sich rasch und konsequent auf das Netto-Null- Ziel ausrichten und die Bevölkerung dafür gewinnen. Das fossile Zeitalter gehört ins Museum.

    Einiges läuft gut in der Schweiz…
    Die Schweiz hat im Gebäudebereich den CO2-Ausstoss und den Stromverbrauch pro Kopf in den vergangenen Jahren deutlich reduziert. Wir wissen, wie man Plusenergiehäuser baut, wir haben effiziente Technologien und ökologische Baustoffe. Und wir haben die innovativen Firmen, welche die Bauvorhaben in höchster Qualität realisieren können.

    … wir haben aber noch viel zu tun
    Wir machen aber vieles noch zu wenig konsequent. Europa- weit ist die Schweiz beim Ausbau von Solar- und Windenergie bei den Schlusslichtern. Zudem verschwenden wir viel Energie ungenutzt. Dies, obwohl wir längst wissen, dass die beste Kilowattstunde diejenige ist, die gar nicht erst verbraucht wird. Ganz schlecht stehen wir beim CO2-Ausstoss im motorisierten Individualverkehr da. Die Emissionen der Neuwagenflotte liegen seit Jahren deutlich über dem Europäischen Durchschnitt und dem Zielwert. Auch bei der Landwirtschaft, der Ernährung und zum Beispiel bei der Zementindustrie sind wir noch nicht auf einem klar ersichtlichen Pfad Richtung Netto Null CO2.

    Wir brauchen eine Roadmap
    Eine lebenswerte Zukunft für die kommenden Generationen ohne irreparable Umweltschäden und Schuldenberge muss eine Selbstverständlichkeit sein. Ich sehe es als Aufgabe unserer Generation, mit Herzblut und Verstand daran zu arbeiten. Im Herbst 2020 habe ich meine «Roadmap Grossen» veröffentlicht, in der ich einen möglichen Weg für die Schweiz beschreibe.

    Roadmap Grossen – die komplett erneuerbare, CO2-neutrale und eigenversorgte Schweiz
    Die eigenständige Schweizer Energieversorgung 2050 ohne Kernkraft und mit Netto Null Treibhausgasen ist realistisch – auch im Winter. Mein Rezept für die komplett erneuerbare, CO2-neutrale und eigenversorgte Schweiz bis 2050 basiert auf folgenden Pfeilern:

    1. Steigerung der Stromeffizienz um 40%
    2. Elektrifizierung der Sektoren Verkehr und Gebäude
    3. Massiver Zubau von Photovoltaik
    4. Saisonspeicher mittels Power2X
    5. Smart-Grid: Stromverbrauch und Stromproduktion in Einklang bringen.

    Schlüsselelement zur erfolgreichen Umsetzung der Klimaziele ist die Digitalisierung. Intelligente Steuerungen durch digitale Anwendungen werden bisher in ihrer Wirkung massiv unterschätzt.

    (Bild: pixabay) «Die Solarenergie wird neben der Wasserkraft zur tragenden Energiesäule. Mindestens zwei von drei geeigneten Dächern und Fassaden müssen mit Photovoltaik belegt werden.»

    Steigerung der Stromeffizienz um 40%
    Obwohl Strom die hochwertigste Energieform ist, verpufft in der Schweiz rund die Hälfte ungenutzt. Die Stromeffizienz wird um rund 40% verbessert. Jede Kilowattstunde, die nicht verbraucht wird, muss nicht produziert, transportiert oder zwischengespeichert werden – sie ist deshalb die wertvollste. Eine deutlich effizientere Stromnutzung ist erwiesenermassen möglich, insbesondere durch den Einsatz von intelligenten Gebäudesteuerungen.

    Elektrifizierung der Sektoren Verkehr und Gebäude
    Fossile Brenn- und Treibstoffe wer- den hauptsächlich beim Verkehr und in Gebäuden verbraucht. Für den Umstieg auf erneuerbare Energien ist Strom meist die sinnvollste Lösung. 60% der Wohngebäude werden noch fossil beheizt und müssen mehrheitlich durch Wärmepumpen ersetzt werden. Rund 70% der Schweizer Verkehrsleistung wird auf der Strasse abgewickelt. Die Elektromobilität ist unbestritten die umweltschonendste Form der individuellen Mobilität. Elektroautos setzen sich aktuell in voller Breite durch. Die Ladungen der Elektroautos erfolgen vor allem zu Hause und am Arbeitsplatz. Damit konzentriert sich der überwiegende Teil des Gesamtenergiebedarfs der Schweiz neu auf die Gebäude.

    Massiver Zubau von Photovoltaik
    Die Solarenergie wird neben der Wasserkraft zur tragenden Energiesäule. Mindestens zwei von drei geeigneten Dächern und Fassaden müssen mit Photovoltaik belegt werden. Wichtiger Winterstrom wird auf Flächen an Fassaden und in den Bergregionen produziert. So steigert sich die Jahresproduktion auf mindestens 40 TWh. Spätestens im Jahr 2050 wird so rund doppelt so viel Strom produziert wie heute mit den AKWs.

    Speicherung – Saisonspeicher mittels Power2X
    Erneuerbare Stromüberschüsse aus dem Sommer werden mittels Power2X-Technologie für den Winter nutzbar gemacht (Saisonspeicherung). Mithilfe von synthetischen Treib- und Brennstoffen sowie Wasserstoff wird im Jahr 2050 in jedem Monat genug einheimische Energie für den gesamten Bedarf produziert. Die Tages- und Wochenspeicherung wird mit Batterien, Pumpspeicherung und Wasserstoff sichergestellt.

    Intelligenz statt Kupfer dank Smart-Grid
    Das Zusammenspiel der Pfeiler, insbesondere der Photovoltaik, der Elektromobilität und der Speicherung, funktioniert nur mit einem intelligenten Netz – einem sogenannten Smart-Grid – effizient. Stromproduktion und Verbrauch werden jederzeit optimal aufeinander abgestimmt. Es wird in Intelligenz und dezentrale Speicherung statt in zusätzliche Kupferleitungen investiert.

    Mit diesen fünf Pfeilern wird die Energiezukunft der Schweiz erneuerbar, CO2-neutral und eigenversorgt.

    Das Gebäude als Kraftwerk und Tankstelle
    Als Elektroplaner sehe ich täglich, dass wir auch im Gebäudesektor noch viel zu tun haben. Zu viele Gebäude werden in Betrieb genommen, welche die Anforderungen an Netto Null nicht erfüllen. In den kommenden 30 Jahren müssen sie nochmals angepasst oder saniert werden. Um das zu vermeiden, müssen Neubauten und Renovationen folgende Parameter erfüllen:

    • Fossilfreie Heizung und Warmwasseraufbereitung
    • Gute Wärmedämmung
    • Photovoltaik-Produktion an Fassade und Dach auf der gesamten geeigneten Fläche
    • Strombezug ab Netz aus- schliesslich aus erneuerbaren Quellen
    • Alle vorhandenen Parkplätze haben mindestens eine vorbereitete intelligente E-Auto-Ladeinfrastruktur (Tankstelle)
    • Intelligente Steuerung zur Vermeidung von Energieverbrauch ohne Nutzen (für Zweckgebäude zwingend)
    • Stromverbrauch- und die Produktion werden im Gebäude/ Quartier optimal harmonisiert.Bauherren und Investoren schützen ihre Investitionen, wenn sie sich an diesen Parametern orientieren.

    Politische Massnahmen Abbau von Hürden und Fehlanreizen
    Es braucht einen raschen Abbau von regulatorischen Hürden und Fehlanreizen auf allen Ebenen. Dringend nötig sind die Einführung verursachergerechter Stromnetzgebühren sowie unbürokratischere Genehmigungsverfahren für Photovoltaik- und Wind- und Wasserkraftanlagen. Schweizer Energieunternehmen investieren seit Jahren vor allem im Ausland. Die Investitionssicherheit in der Schweiz muss deutlich verbessert werden.

    Internationale Anbindung und Speicherstrategie
    Die Schweiz kann als Batterie Europas eine wichtige Rolle übernehmen, um die Energiewende auf dem gesamten Kontinent so schnell wie möglich umzusetzen. Zentral dafür ist der Abschluss eines Stromabkommens mit der EU, welches unter anderem Investitionen in zusätzliche Speicherkraftwerke auslösen könnte. Zudem braucht es eine nationale Strategie für den Ausbau der dezentralen, kurz- und langfristigen Energiespeicherung.

    Die Chancen des Wandels
    Als Cleantech-Standort verfügen wir über ideale Voraussetzungen, um den Umbau unseres Energiesystems von fossilen hin zu erneuerbaren Energien voranzutreiben. Unsere Bauwirtschaft, die Gebäudetechnikbranche und die Zulieferindustrie von Fahrzeugen sind bereit, das Knowhow ist vorhanden. Dies bietet eine grosse Chance für Wirtschaft und Gesellschaft.

    Jürg Grossen


    Jürg Grossen ist Nationalrat und Präsident der glp Schweiz sowie Co-Geschäftsinhaber von drei Firmen mit rund 50 Mitarbeitenden im Gebäudetechnikbereich. Ausserdem engagiert er sich als Präsident von Swiss eMobility und Swissolar im Umweltschutzbereich.